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Du darfst empfangen

Autorenbild: Marc Altmann
Marc Altmann
16. Sept.
7 Min. Lesezeit

Warum Geben und Empfangen zwei Seiten derselben Liebe sind.


Viele Menschen haben gelernt zu geben.

Sie helfen.

Sie hören zu.

Sie kümmern sich.

Sie übernehmen Verantwortung.

Sie schenken ihre Zeit, ihre Aufmerksamkeit und ihre Kraft.

Wenn jemand sie braucht, sind sie da.

Vielleicht gehörst auch du zu diesen Menschen.

Vielleicht empfindest du es sogar als selbstverständlich, anderen etwas zu geben.

Doch was geschieht, wenn sich die Richtung plötzlich umkehrt?

Wenn jemand dir helfen möchte?

Wenn jemand für dich da sein möchte?

Wenn jemand dir etwas schenken möchte?

Wenn jemand dich umsorgen möchte?

Dann wird aus dem selbstverständlichen Geben plötzlich etwas ganz anderes:


Empfangen.


Und erstaunlicherweise fällt genau das vielen Menschen wesentlich schwerer.




Geben ist manchmal leichter als Empfangen


Vielleicht kennst du solche Sätze:

„Ach, das wäre doch nicht nötig gewesen.“

„Mach dir wegen mir keine Umstände.“

„Nein danke, ich schaffe das schon.“

„Das kann ich doch nicht annehmen.“

Auf den ersten Blick wirken diese Sätze bescheiden und unabhängig.

Doch manchmal verbirgt sich dahinter etwas Tieferes.

Vielleicht haben wir gelernt:


Ich darf niemandem zur Last fallen.


Vielleicht glauben wir:


Ich muss alleine zurechtkommen.


Oder:


Ich muss zuerst etwas leisten, bevor ich etwas bekommen darf.


Und so kann es geschehen, dass wir im Laufe unseres Lebens hervorragend darin werden, für andere da zu sein – aber kaum noch wissen, wie es sich anfühlt, wenn jemand für uns da ist.

Wir können geben.

Aber wir können nur schwer empfangen.



Empfangen macht verletzlich


Wenn wir geben, behalten wir häufig einen gewissen Einfluss auf die Situation.

Wir entscheiden, was wir geben.

Wie viel wir geben.

Wann wir geben.

Und wem wir etwas geben.

Beim Empfangen ist das anders.

Wir öffnen uns für etwas, das von außen zu uns kommt.

Wir lassen zu, dass ein anderer Mensch etwas für uns tut.

Und damit geben wir für einen Moment einen Teil unserer Kontrolle ab.

Vielleicht ist genau das der Grund, weshalb Empfangen manchmal so ungewohnt sein kann.

Denn Empfangen bedeutet auch:


Ich lasse mich berühren.


Ich lasse zu, dass jemand mich sieht.

Ich lasse zu, dass jemand meine Bedürfnisse wahrnimmt.

Ich lasse zu, dass ich für einen Augenblick nicht derjenige sein muss, der alles im Griff hat.

Das kann sich verletzlich anfühlen.

Doch Verletzlichkeit ist, wie wir im letzten Newsletter gesehen haben, nicht das Gegenteil von Stärke.

Vielleicht ist sie manchmal sogar die Voraussetzung dafür, dass wirkliche Nähe entstehen kann.



Du musst dir nicht alles verdienen


Viele von uns haben früh gelernt, dass Leistung belohnt wird.

Wir bekommen Anerkennung für gute Noten.

Für gute Arbeit.

Für Hilfsbereitschaft.

Für Anpassung.

Für Erfolg.

Daraus kann unbewusst die Vorstellung entstehen:


Wenn ich etwas bekommen möchte, muss ich vorher etwas dafür tun.


In vielen Bereichen unseres Lebens ist das natürlich sinnvoll.

Doch wenn wir dieses Prinzip auf unseren gesamten Selbstwert übertragen, entsteht ein Problem.

Dann glauben wir irgendwann, wir müssten uns sogar Liebe verdienen.

Aufmerksamkeit verdienen.

Zuwendung verdienen.

Ruhe verdienen.

Vielleicht erlauben wir uns erst eine Pause, wenn wir vollkommen erschöpft sind.

Vielleicht nehmen wir erst Hilfe an, wenn wir wirklich nicht mehr weiterwissen.

Vielleicht können wir ein Kompliment nur schwer annehmen, ohne es sofort abzuschwächen.

Jemand sagt:

„Du siehst heute wunderbar aus.“

Und wir antworten:

„Ach, überhaupt nicht.“

Jemand sagt:

„Das hast du großartig gemacht.“

Und wir sagen:

„Das war doch nichts Besonderes.“

Warum fällt es uns manchmal so schwer, einfach zu antworten:


Danke.


Vielleicht weil dieses kleine Wort etwas voraussetzt:

Dass wir bereit sind, etwas Gutes tatsächlich bei uns ankommen zu lassen.


Empfangen bedeutet, für einen Augenblick aufzuhören, dir deinen Wert verdienen zu wollen.



Kannst du Liebe annehmen?


Wir sprechen häufig darüber, wie wichtig es ist, Liebe zu geben.

Liebevoll zu sein.

Mitgefühl zu zeigen.

Andere Menschen anzunehmen.

Doch mindestens genauso wichtig ist eine andere Frage:


Kannst du Liebe empfangen?


Kannst du glauben, dass jemand gerne mit dir zusammen ist?

Kannst du ein Kompliment annehmen?

Kannst du eine Umarmung wirklich zulassen?

Kannst du akzeptieren, dass jemand dir etwas Gutes tun möchte?

Kannst du Liebe annehmen, ohne sofort darüber nachzudenken, wie du sie zurückzahlen kannst?

Denn genau dort zeigt sich häufig unser Verhältnis zu unserem eigenen Wert.

Wenn wir tief in uns glauben, dass wir Liebe immer verdienen müssen, wird selbst ein Geschenk zu einer Verpflichtung.

Dann beginnt in unserem Kopf sofort eine Rechnung:

Was schulde ich jetzt?

Wie kann ich mich revanchieren?

Was muss ich zurückgeben?

Doch Liebe ist keine Buchhaltung.

Wirkliche Großzügigkeit führt kein Konto.



Geben und Empfangen gehören zusammen


Schau einmal auf die Natur.

Ein Baum gibt.

Er schenkt Schatten.

Er produziert Sauerstoff.

Vielleicht trägt er Früchte.

Er bietet Vögeln und anderen Tieren Schutz.

Doch derselbe Baum empfängt.

Er empfängt Licht.

Wasser.

Mineralien aus der Erde.

Kohlendioxid aus der Luft.

Ohne dieses Empfangen könnte er nichts geben.

Auch das Meer empfängt Flüsse und Regen.

Gleichzeitig gibt es Wasser an die Atmosphäre ab.

Die Erde empfängt das Licht der Sonne.

Die Nacht empfängt den Tag.

Wir atmen ein.

Wir atmen aus.

Alles Leben bewegt sich in Kreisläufen.

Niemand könnte dauerhaft nur ausatmen.

Wir müssen auch einatmen.

Vielleicht gilt dasselbe für unsere Seele.


Das Leben ist kein Beweis deiner Unabhängigkeit. Es ist ein Kreislauf des Gebens und Empfangens.




Empfangen bedeutet nicht nehmen


Dabei gibt es einen wichtigen Unterschied.

Empfangen ist nicht dasselbe wie nehmen.

Nehmen kann bedeuten, etwas zu verlangen.

Etwas an sich zu reißen.

Vielleicht sogar etwas zu beanspruchen, das ein anderer gar nicht geben möchte.

Empfangen dagegen setzt voraus, dass etwas freiwillig zu uns kommt.

Jemand schenkt.

Und wir öffnen uns dafür.

Jemand bietet Hilfe an.

Und wir dürfen sie annehmen.

Jemand schenkt uns Aufmerksamkeit.

Und wir dürfen sie genießen.

Jemand liebt uns.

Und wir dürfen diese Liebe in unser Herz hineinlassen.

Empfangen bedeutet deshalb keineswegs, grenzenlos alles anzunehmen.

Du darfst weiterhin Nein sagen.

Du darfst prüfen, was dir guttut.

Du darfst Grenzen setzen.

Nicht jede Aufmerksamkeit ist Liebe.

Nicht jedes Geschenk ist frei von Erwartungen.

Nicht jede vermeintliche Hilfe müssen wir annehmen.

Bewusstes Empfangen bedeutet auch, unterscheiden zu können:


Was möchte wirklich zu mir – und was möchte etwas von mir?




Wenn aus einem Geschenk eine Schuld wird


Vielleicht hast du erlebt, dass Menschen etwas gegeben haben und später eine Gegenleistung erwarteten.

Dann kann Empfangen schwierig werden.

Denn plötzlich lernen wir:

Wenn ich etwas annehme, schulde ich etwas.

Doch das ist nicht die einzige Form des Gebens.

Es gibt auch das freie Geschenk.

Etwas, das ein Mensch gibt, weil er Freude daran hat.

Ohne versteckte Rechnung.

Ohne Anspruch.

Ohne später zu sagen:

„Nach allem, was ich für dich getan habe …“

Wahre Großzügigkeit lässt den anderen frei.

Und deshalb braucht auch wahres Empfangen Freiheit.

Du darfst etwas annehmen, das aus Liebe gegeben wird.

Und du darfst etwas ablehnen, wenn du spürst, dass damit eine Verpflichtung verbunden werden soll, die du nicht möchtest.

Auch darin liegt Selbstachtung.





Du erlaubst auch dem anderen zu geben


Vielleicht gibt es noch einen ganz anderen Blickwinkel.

Wenn du jemandem etwas schenken möchtest und dieser Mensch deine Gabe voller Freude annimmt – was geschieht dann mit dir?

Vielleicht freust du dich.

Vielleicht berührt es dich, dass dein Geschenk angekommen ist.

Vielleicht empfindest du selbst etwas Schönes dabei, geben zu dürfen.

Warum sollte das für andere Menschen anders sein?

Wenn du jede Hilfe ablehnst, jede Einladung zurückweist und jedes Geschenk kleinredest, nimmst du dir nicht nur selbst die Möglichkeit zu empfangen.

Du nimmst vielleicht auch dem anderen die Möglichkeit, dir etwas geben zu dürfen.

Plötzlich erkennen wir:


Auch Empfangen kann ein Geschenk sein.


Denn Liebe braucht nicht nur jemanden, der gibt.

Sie braucht auch jemanden, der bereit ist, sie anzunehmen.





Lass die Liebe fließen


Vielleicht ist Liebe weniger ein Besitz als eine Bewegung.

Sie möchte fließen.

Von Mensch zu Mensch.

Manchmal bist du derjenige, der gibt.

Manchmal bist du derjenige, der empfängt.

Und manchmal geschieht beides gleichzeitig.

Du hörst einem Menschen zu und bekommst gleichzeitig sein Vertrauen geschenkt.

Du umarmst jemanden und wirst gleichzeitig selbst umarmt.

Du tröstest einen Menschen und erfährst dabei Nähe.

Du liebst – und wirst geliebt.

Vielleicht müssen wir deshalb gar nicht ständig darüber nachdenken, wer gerade mehr gibt.

In einer lebendigen Beziehung verändert sich dieser Fluss immer wieder.

Heute trägst du mich.

Morgen trage ich dich.

Heute höre ich dir zu.

Morgen hörst du mir zu.

Heute brauche ich deine Kraft.

Morgen brauchst du vielleicht meine.

Das ist keine Schwäche.

Das ist Beziehung.






Auch das Leben möchte dir etwas geben


Vielleicht lässt sich dieser Gedanke noch weiter öffnen.

Wir fragen uns häufig:


Was soll ich aus meinem Leben machen?


Vielleicht dürfen wir gelegentlich auch fragen:


Was möchte das Leben mir schenken?


Eine Begegnung?

Eine Erfahrung?

Einen stillen Augenblick?

Eine neue Möglichkeit?

Freude?

Liebe?

Vielleicht sind wir manchmal so sehr damit beschäftigt, unser Leben zu gestalten, dass wir gar nicht mehr bemerken, was bereits vor uns liegt.

Nicht alles muss erkämpft werden.

Nicht alles muss erarbeitet werden.

Nicht jede schöne Erfahrung muss einen Zweck erfüllen.

Du darfst einen Sonnenuntergang betrachten, ohne etwas daraus machen zu müssen.

Du darfst lachen, ohne einen Grund dafür zu brauchen.

Du darfst einen schönen Augenblick genießen, ohne sofort an morgen zu denken.

Du darfst glücklich sein, ohne dich dafür rechtfertigen zu müssen.

Vielleicht ist auch das Empfangen:


dem Leben zu erlauben, dich zu berühren.






Öffne beide Seiten deines Herzens


Vielleicht hast du sehr lange gelernt, dein Herz zu öffnen, um anderen etwas zu geben.

Das ist wunderschön.

Doch ein offenes Herz hat zwei Richtungen.

Es gibt.

Und es empfängt.

Vielleicht darfst du heute einmal darauf achten, was bereits auf dich zukommt.

Ein freundliches Wort.

Ein Lächeln.

Eine Einladung.

Eine helfende Hand.

Eine Umarmung.

Ein Kompliment.

Zeit.

Nähe.

Liebe.

Und vielleicht bemerkst du deinen ersten Impuls:

Das brauche ich nicht.

Das kann ich nicht annehmen.

Das muss ich zurückgeben.

Dann halte einen Augenblick inne.

Vielleicht musst du gar nichts tun.

Vielleicht genügt ein einziges Wort:


Danke.


Lass es ankommen.

Ohne Erklärung.

Ohne Rechtfertigung.

Ohne sofortige Gegenleistung.

Vielleicht ist genau das heute deine Übung.

Nicht noch mehr zu geben.

Sondern etwas wirklich zu empfangen.

Denn du musst nicht immer nur derjenige sein, der Liebe in die Welt trägt.

Du darfst auch erfahren, dass Liebe zu dir zurückkommt.


Öffne nicht nur dein Herz, um Liebe zu geben. Öffne es auch weit genug, um Liebe hineinzulassen.


Und vielleicht wirst du irgendwann erkennen:


Geben und Empfangen waren niemals Gegensätze.


Sie waren immer zwei Bewegungen derselben Liebe.



Herzlichst


Marc Altmann


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