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Du musst nicht auf das nächste Problem warten

Autorenbild: Marc Altmann
Marc Altmann
1. Okt.
7 Min. Lesezeit

Warum Frieden kein Vorbote einer neuen Krise sein muss.



Es gibt Zeiten im Leben, in denen scheinbar alles gleichzeitig geschieht.

Ein Problem folgt auf das nächste.

Kaum hast du eine Sache geklärt, wartet bereits die nächste Entscheidung.

Du kümmerst dich.

Du organisierst.

Du löst.

Du hilfst.

Du denkst voraus.

Du hältst durch.

Und irgendwann wirst du so gut darin, Schwierigkeiten zu bewältigen, dass du beinahe vergisst, wie sich ein Leben anfühlt, in dem gerade einmal nichts bewältigt werden muss.

Dann geschieht etwas Merkwürdiges.

Es wird ruhig.

Ein Konflikt ist geklärt.

Eine Sorge verschwindet.

Eine schwierige Phase liegt hinter dir.

Vielleicht geht es dir sogar richtig gut.

Und plötzlich taucht ein Gedanke auf:


Das kann doch nicht so bleiben.


Vielleicht kennst du dieses Gefühl.

Eigentlich gibt es gerade gar kein Problem.

Aber dein Verstand sucht bereits nach dem nächsten.



Wenn das Problemlösen zur Identität wird


Vielleicht bist du jemand, der gut darin ist, Lösungen zu finden.

Andere Menschen wenden sich an dich.

Du behältst den Überblick.

Du übernimmst Verantwortung.

Wenn etwas schiefgeht, weißt du meistens, was zu tun ist.

Das ist eine wertvolle Fähigkeit.

Doch auch eine Stärke kann irgendwann zu einer Identität werden.

Dann lautet die Frage nicht mehr nur:

Wie löse ich dieses Problem?

Sondern unbewusst:


Wer bin ich eigentlich, wenn es gerade kein Problem zu lösen gibt?


Das ist eine spannende Frage.

Denn vielleicht haben wir gelernt, unseren Wert auch daraus zu beziehen, gebraucht zu werden.

Wir fühlen uns wichtig, wenn wir helfen können.

Wir fühlen uns sicher, wenn wir handeln können.

Wir fühlen uns kompetent, wenn wir etwas reparieren können.

Doch was geschieht, wenn gerade niemand gerettet werden muss?

Wenn nichts repariert werden muss?

Wenn keine Krise unsere Aufmerksamkeit verlangt?

Kannst du dann einfach sein?



Das Ego liebt Beschäftigung


Unser Verstand ist ein wunderbares Werkzeug.

Er kann planen.

Analysieren.

Ordnen.

Vergleichen.

Entscheiden.

Probleme lösen.

Doch genau deshalb findet er immer etwas, womit er sich beschäftigen kann.

Wenn im Außen kein Problem vorhanden ist, kann er eines im Inneren erzeugen.

Dann beginnt das Denken:

Was könnte passieren?

Was habe ich übersehen?

Was bedeutet das?

Warum hat dieser Mensch das gesagt?

Was ist, wenn sich alles wieder verändert?

Und schon ist der Frieden verschwunden.

Nicht weil im Außen etwas geschehen ist.

Sondern weil wir innerlich bereits in einer Zukunft leben, die noch gar nicht existiert.

Das Ego braucht nicht unbedingt ein Problem.

Aber es braucht häufig Beschäftigung.

Stille dagegen verlangt nichts.

Und genau das kann ungewohnt sein.



Wenn Stille uns selbst begegnen lässt


In der Stille gibt es plötzlich weniger Ablenkung.

Keinen Konflikt, über den wir nachdenken müssen.

Keine Krise, die unsere gesamte Aufmerksamkeit fordert.

Keine dringende Aufgabe, hinter der wir uns verstecken können.

Und dann begegnen wir uns selbst.

Vielleicht merken wir erst dann, wie erschöpft wir eigentlich sind.

Vielleicht taucht eine Traurigkeit auf, für die vorher keine Zeit war.

Vielleicht spüren wir eine Sehnsucht.

Vielleicht erkennen wir, dass wir gar nicht wissen, was wir gerne tun würden, wenn wir nichts tun müssten.

Stille ist deshalb nicht immer sofort angenehm.

Aber sie kann ehrlich sein.

Sie fragt nicht:


Was musst du als Nächstes erledigen?


Sie fragt vielleicht:


Wer bist du, wenn gerade nichts von dir verlangt wird?



Du darfst ein Leben ohne ständiges Drama haben


Manchmal verwechseln wir Intensität mit Lebendigkeit.

Das gilt besonders für Beziehungen.

Streit.

Versöhnung.

Nähe.

Rückzug.

Eifersucht.

Trennung.

Wiederannäherung.

All das erzeugt starke Gefühle.

Und starke Gefühle können uns das Gefühl vermitteln, besonders lebendig zu sein.

Wenn wir solche Dynamiken lange kennen, kann eine ruhige Beziehung plötzlich beinahe langweilig wirken.

Ein Mensch ist verlässlich.

Er meldet sich.

Er sagt, was er meint.

Es gibt keine ständigen Machtspiele.

Keine dauernde Unsicherheit.

Keine emotionalen Achterbahnfahrten.

Und vielleicht fragt ein Teil von uns:

Wo ist die Leidenschaft?

Doch vielleicht fehlt gar nicht die Leidenschaft.

Vielleicht fehlt nur das Drama.


Nicht jede Ruhe ist Langeweile. Manchmal fühlt sich Frieden nur deshalb ungewohnt an, weil du zu lange im Drama gelebt hast.


Liebe braucht nicht ständig eine Krise, um lebendig zu sein.

Nähe muss nicht wehtun, um tief zu sein.

Und eine Beziehung muss dich nicht permanent verunsichern, damit sie bedeutungsvoll ist.



Glück braucht keine Katastrophe als Ausgleich


Es gibt einen merkwürdigen Glaubenssatz, den viele Menschen kennen:

Es läuft gerade zu gut.

Oder:

Wenn ich mich jetzt zu sehr freue, passiert bestimmt etwas.

Fast so, als gäbe es irgendwo ein unsichtbares Konto.

Zu viel Freude.

Zu viel Glück.

Zu viel Frieden.

Und irgendwann müsse das Leben dafür eine Rechnung schicken.

Doch Glück ist keine Schuld.

Freude muss nicht ausgeglichen werden.

Ein schöner Tag erzeugt keinen Anspruch auf einen schlechten.

Du musst dein Glück nicht vorsichtshalber begrenzen.

Du musst nicht weniger lachen, damit das Schicksal dich übersieht.

Du musst deine Freude nicht verstecken.


Du musst dein Glück nicht kleiner machen, um das Schicksal nicht herauszufordern.


Vielleicht darf es dir einfach gut gehen.



Vorsicht ist nicht dasselbe wie Angst


Natürlich bedeutet das nicht, naiv durch das Leben zu gehen.

Wir dürfen vorsorgen.

Wir dürfen Risiken erkennen.

Wir dürfen Grenzen setzen.

Wir dürfen Verantwortung übernehmen.

Frieden bedeutet nicht, die Realität zu verleugnen.

Doch es gibt einen Unterschied zwischen Aufmerksamkeit und ständiger Alarmbereitschaft.

Aufmerksamkeit sagt:


Ich sehe, was tatsächlich geschieht.


Angst sagt:


Ich muss mich auf alles vorbereiten, was möglicherweise geschehen könnte.


Der eine Zustand hält uns in der Gegenwart.

Der andere zieht uns in unzählige mögliche Zukünfte.

Vielleicht besteht Vertrauen deshalb nicht darin zu glauben, dass niemals wieder etwas Schwieriges geschehen wird.

Das wäre unrealistisch.

Vertrauen bedeutet vielleicht:


Wenn etwas geschieht, werde ich mich darum kümmern. Aber ich muss nicht heute schon darunter leiden.





Was machst du, wenn nichts zu kämpfen ist?


Vielleicht hast du in deinem Leben viel gekämpft.

Für Anerkennung.

Für Liebe.

Für Sicherheit.

Für deine Freiheit.

Für deine berufliche Existenz.

Für deine Familie.

Für dich selbst.

Vielleicht war diese Kraft notwendig.

Vielleicht hat sie dich durch schwierige Zeiten getragen.

Aber eine Fähigkeit, die dich durch eine Krise bringt, muss nicht automatisch dein dauerhafter Lebenszustand werden.

Irgendwann darfst du das Schwert auch ablegen.

Nicht weil du schwach geworden bist.

Sondern weil gerade kein Kampf stattfindet.

Und dann entsteht eine neue Frage:


Was mache ich mit meiner Kraft, wenn ich sie nicht mehr zum Kämpfen brauche?


Vielleicht kannst du sie zum Erschaffen benutzen.

Zum Lieben.

Zum Reisen.

Zum Lernen.

Zum Spielen.

Zum Schreiben.

Zum Träumen.

Zum Entdecken.

Zum Genießen.

Vielleicht ist das sogar eine neue Entwicklungsstufe:

Nicht mehr nur stark genug zu sein, Schwierigkeiten zu überstehen.

Sondern frei genug zu sein, das Leben zu gestalten.





Vom Überleben zum Leben

Es gibt Zeiten, in denen Überleben vollkommen ausreicht.

Dann geht es darum, einen Tag nach dem anderen zu bewältigen.

Weiterzumachen.

Nicht aufzugeben.

Das verdient Respekt.

Doch wenn eine schwierige Zeit vorbei ist, dürfen wir irgendwann erkennen:


Ich bin noch immer im Überlebensmodus, obwohl ich gar nicht mehr dort bin, wo ich ihn gebraucht habe.


Dann braucht es vielleicht eine neue innere Erlaubnis.

Du darfst wieder leben.

Nicht nur funktionieren.

Nicht nur bewältigen.

Nicht nur reagieren.

Leben.

Vielleicht hast du sogar vergessen, was dir Freude macht.

Dann darfst du es neu entdecken.

Was interessiert dich?

Was bringt dich zum Lachen?

Wo fühlst du dich lebendig?

Was möchtest du sehen?

Was möchtest du lernen?

Wem möchtest du begegnen?

Was möchtest du erschaffen?


Irgendwann darfst du aufhören, nur zu überleben, und entdecken, wie sich Leben anfühlt.





Frieden ist nicht Stillstand


Manche Menschen fürchten Ruhe, weil sie glauben, dann würde nichts mehr geschehen.

Doch Frieden bedeutet nicht Stillstand.

Aus Frieden kann unglaublich viel entstehen.

Kreativität.

Klarheit.

Liebe.

Neue Ideen.

Tiefe Begegnungen.

Bewusste Entscheidungen.

Vielleicht entsteht das wirklich Neue sogar leichter aus innerer Ruhe als aus ständigem Kampf.

Wenn wir nicht permanent auf Gefahren reagieren müssen, wird Energie frei.

Und diese Energie können wir gestalten.

Vielleicht ist Frieden deshalb nicht das Ende deiner Entwicklung.

Vielleicht ist er der Boden, auf dem eine andere Form von Entwicklung beginnen kann.

Nicht mehr aus Angst.

Nicht mehr aus Mangel.

Nicht mehr aus dem Gefühl:


Ich muss etwas reparieren.


Sondern aus der Frage:


Was möchte durch mich entstehen?






Du musst nicht immer an dir arbeiten


Auch Persönlichkeitsentwicklung kann zu einer endlosen Aufgabe werden.

Noch ein Muster erkennen.

Noch einen Glaubenssatz auflösen.

Noch einen Schatten bearbeiten.

Noch etwas heilen.

Noch bewusster werden.

Noch spiritueller werden.

Und irgendwann behandeln wir uns selbst wie ein niemals abgeschlossenes Renovierungsprojekt.

Natürlich ist Selbsterkenntnis wertvoll.

Doch vielleicht dürfen wir uns zwischendurch auch daran erinnern:


Du bist nicht nur hier, um an dir zu arbeiten. Du bist auch hier, um dein Leben zu leben.


Vielleicht gibt es heute gar nichts zu heilen.

Vielleicht gibt es heute nur einen Spaziergang.

Ein Gespräch.

Ein gutes Essen.

Musik.

Natur.

Ein Tier.

Einen Sonnenuntergang.

Einen Menschen, den du liebst.

Oder einen Abend, an dem du einfach in den Himmel schaust.

Auch das ist Leben.

Vielleicht sogar ganz besonders.






Du musst die Zukunft nicht vorwegnehmen


Das nächste Problem wird kommen, wenn es kommt.

Denn natürlich wird das Leben immer wieder Herausforderungen mit sich bringen.

Aber du musst sie nicht vorzeitig erschaffen.

Du musst heute nicht die Angst von morgen fühlen.

Du musst einen möglichen Verlust nicht erleben, solange noch nichts verloren ist.

Du musst einen Streit nicht im Kopf führen, der vielleicht niemals stattfinden wird.

Und du musst dich nicht auf jede denkbare Katastrophe vorbereiten.

Wenn morgen etwas geschieht, wird morgen ein anderer Augenblick sein.

Dann wirst du reagieren.

Dann wirst du entscheiden.

Dann wirst du deine Kraft einsetzen.

Aber heute?

Vielleicht ist heute einfach alles in Ordnung.






Erlaube dir den Frieden


Vielleicht musst du heute niemanden retten.

Vielleicht gibt es nichts zu entscheiden.

Nichts zu reparieren.

Nichts zu kontrollieren.

Vielleicht ist gerade niemand böse auf dich.

Vielleicht droht keine Katastrophe.

Vielleicht musst du nichts beweisen.

Dann suche nicht nach dem nächsten Problem.

Atme.

Schau dich um.

Spüre deinen Körper.

Schau in die Natur.

Höre die Geräusche um dich herum.

Vielleicht scheint die Sonne.

Vielleicht ziehen Wolken über den Himmel.

Vielleicht siehst du heute Nacht den Mond oder die Sterne.

Und vielleicht erlaubst du dir für einen Augenblick einen Gedanken, der erstaunlich ungewohnt sein kann:


Vielleicht ist gerade einfach alles in Ordnung.


Du musst diesen Augenblick nicht festhalten.

Du musst nicht garantieren, dass morgen genauso sein wird.

Du musst nur hier sein.

Jetzt.

Und vielleicht ist genau das Frieden.

Nicht die Gewissheit, dass niemals wieder ein Sturm kommt.

Sondern die Fähigkeit, die Sonne zu genießen, solange sie scheint.



Frieden beginnt vielleicht dort, wo du aufhörst, in der Stille schon den nächsten Sturm zu erwarten.


Herzlichst


Marc Altmann


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